Irene und Jupp Engelmann waren 3 Wochen im indischen Himalaya-Gebiet.
Hier ist der Bericht über ihre Erlebnisse.

Incredible India...

zutreffender könnte ein Werbeslogan nicht sein. Unglaublich, unvorstellbar, unmöglich, unfassbar – das sind ein paar Eigenschaften die nur annähernd versuchen Indien zu beschreiben, geschweige denn zu verstehen.

Trotz der Widersprüche, der Armut und der unterschiedlichen Kulturen zieht es jedes Jahr Millionen von Menschen aus aller Welt dorthin. Warum ausgerechnet Indien? Diese Frage muss sich jeder Reisende selbst stellen. Indien ist ein Land voller Gegensätze. Auf der einen Seite reiche Menschen, die offen und stolz ihren Schmuck präsentieren, die mit ihren soliden europäischen Luxuskarossen die Straßen befahren, die in Luxushotels absteigen und viel Geld besitzen. Andererseits die vielen armen Leute, die mühsam versuchen, ihren Tagesablauf zu bestreiten. Die sich freuen, wenn ihnen ein paar Rupien zugesteckt werden, nachdem sie den Weg gezeigt, die Koffer ins Zimmer oder die Mahlzeit gebracht haben. Menschen die immer freundlich sind und einfach nur gute Laune verbreiten. Mit holprigem Englisch versuchen sie, Touristen in Gespräche zu verwickeln. Beide Gruppen einigt das Smartphone. Ob reich oder bettelarm, fast jeder in Indien hat ein Handy am Ohr oder in der Hand. Selbst ein ärmlicher Handkarrenfahrer in den Bergen kommuniziert so mit seinen Mitmenschen.

Nicht nur die Menschen begeistern. Spektakuläre Städte und außergewöhnliche Landschaften gibt es zu entdecken. Es ist kaum vorstellbar, dass man in Deutschland ins Flugzeug steigt und sich nach 7 Std. Flug in einem westlich aussehenden Flughafen wiederfindet. Der Indira-Gandhi-Flughafen könnte auch in Frankfurt, London oder Paris stehen. Hochmodern und sehr beeindruckend ist der Empfang in Delhi. Alles ist klimatisiert, leise und für den Reisenden komfortabel und effizient. Erst nachdem sich die Türen zur Außenwelt öffnen, merkt man dass man in Indien ist.

Die Lufttemperatur beträgt 39 Grad bei einer Luftfeuchtigkeit von 95 %. Die Brille beschlägt und man steht erst einmal im Nebel. Und dann packt es uns, das indische Leben. Taxifahrer, Menschentrauben, Militärangehörige und ein unvorstellbarer Lärm, bestehend aus menschlichen Stimmen und Autohupen. infiltrieren uns. Durchatmen, ab ins Taxi und hinein in den indischen Verkehr. Es ist 10.00 Uhr morgens und die Rushhour ist in vollem Gang. Autos aller Kategorien, Tuk-Tuks, Moped- und Radfahrer, Lastwagen, Busse und Fußgänger teilen sich nach einem fein ausgeklügelten System die sechsspurigen Straßen. Kreuz und quer darf gefahren werden. Die Abstände zum Nachbar betragen oft nur Zentimeter. Rote Ampeln und Einbahnstraßen werden ignoriert. Jeder Verkehrsteilnehmer achtet auf den anderen. Keiner regt sich auf, alles läuft geruhsam ohne Hektik ab. Dem westlichen Besucher bleibt nur ein Staunen, dass es ohne Unfälle und Blechschäden in die City geht. Delhi ist eine Stadt der Superlative. Hier leben 18 Millionen Menschen. Die Kolonialzeit hat ihre Spuren an Hand von imposanten Bauwerken hinterlassen. Und Delhi ist eine grüne Stadt, die weg vom Schmuddel-Image will. Oberflächlich erscheint es sauber und nur wenige Menschen leben noch am Straßenrand.

Doch Delhi oder die anderen Großstädte dieses riesigen Landes sind in diesem Jahr nicht unser Reiseziel. Uns zieht es in die kalten Regionen Indiens. Ziel ist Leh, die Hauptstadt von Ladakh im Himalaya. An der Grenze zu Tibet im Bundesstaat Jammu und Kaschmir gelegen. Eine Kleinstadt von 56.000 Einwohnern, die besticht durch ihre Lage. In einer Höhe von 3.500 m schmiegt sie sich an den Flusslauf des Indus. Einerseits begrenzt durch die hohen Pässe nach Pakistan und Tibet, auf der anderen Seite ragen die Gipfel der Stok-Range mit ihren über 6.000 m hohen Bergen in den strahlend blauen Himmel. Leh, eine multikulturelle Stadt mit einem imposanten Kloster, genannt Leh-Palace. Wie ein Adlernest klebt es über der Stadt. Ein Fußweg führt hinauf und man kommt schon mächtig ins Schnaufen, wenn man die vielen Stufen nach oben geht. Leh, auch heute noch buddhistisch geprägt, entwickelt sich immer mehr zu einem Einwandergebiet von Pakistani. Es gibt mehrere Moscheen und Viertel, in denen nur Moslems leben. Jeden Morgen um 4.40 Uhr, je nach Sonnenaufgang, brüllt der Muezzin per Lautsprecher über den ganzen Ort und fordert die Muslime zum Gebet auf. Der Tourist ist verwirrt und verärgert ob der frühen Ruhestörung. Die einheimischen Buddhisten und Hindus schütteln den Kopf, haben sich aber zwangsläufig daran gewöhnt. Erfreut sind sie nicht.

Zwei Tage Leh sollten genügen um uns zu akklimatisieren, dachten wir. Am dritten Tag wird der hoteleigene Jeep voll bepackt. Lebensmittel für unsere 13-tägige Trekkingtour werden aufgeladen. Ein junger Koch aus Nepal begrüßt uns aufgekratzt und im dicksten Morgenverkehr laden wir unterwegs noch Denzin, unseren jungen Guide aus Zanskar, ein. Der Trek kann beginnen. Der erste Tag ist öde und langweilig. Eine 30 km lange asphaltierte Straße zum ersten Campground muss abgelaufen werden. Wir vertreiben uns die Zeit mit gegenseitigem Kennenlernen. Denzin ist ein junger Mann von 24 Jahren, der Betriebswirtschaft studiert und für drei Monate als Trekking-Guide in Leh arbeitet. Seine Familie lebt in Zanskar – einem Gebiet im südwestlichen Kaschmir. Es gibt dorthin nur eine Straße und die ist ausschließlich in den Sommermonaten befahrbar. Denzin möchte alles über uns, über Deutschland, über Frau Merkel, die Flüchtlinge usw. wissen. So gut es geht, geben wir in unserem spärlichen Englisch Auskunft. Das Erstaunen, das seine Gesichtszüge überzieht und das oft schelmische Lachen lassen uns die ätzende Straße bei brütender Hitze vorübergehend vergessen. Und dann hat der Himmel ein Einsehen. Er schickt uns zwei junge Inder mit einem Jeep, die uns bis zu unserem Campingplatz mitnehmen. Unser Koch Milan hat zwischenzeitlich das Kochzelt aufgebaut und ist schon am Brutzeln für das Abendessen. Dies nehmen wir in einem großen Zelt zusammen mit unserem Ponyman und ein paar Menschen, die in dieser Einöde wohnen, ein. Unbequem zwar, aber die Speisen entschädigen uns. Es ist immer wieder schön zu erleben, was die Köche mit ihren einfachen Mitteln für uns zaubern. Vorab eine köstliche scharfe Suppe, dann Currys in den verschiedensten Ausführungen. Reis, Chapatis und eine Mango als Dessert bereichern das Mahl. Soviel können wir nicht jeden Tag essen, aber das ist auch kein Problem, denn die Mannschaft hat ja auch noch Hunger. Aufgewühlt, überwältigt von der Kulisse und dem Sternenhimmel gehen wir früh schlafen, nichtsahnend was der nächste Tag uns bringen wird.

Der nächste Morgen zeigt uns, dass Akklimatisation das Wichtigste bei einer Trekkingtour ist. Als ob wir das nicht wüssten, denn zum ersten Mal sind wir nicht in diesen Höhen unterwegs. Aus gesundheitlichen Gründen sind wir gezwungen, unsere Tour abzubrechen. Schweren Herzens ruft unser Guide die Agentur an, damit sie uns zurück nach Leh bringt. Ein späteres Umkehren wäre schwierig, denn unsere Tour würde uns in den nächsten zwei Tagen über einen 4.900 m hohen Pass führen. Danach wären wir telefonisch nicht mehr zu erreichen und die Rückkehr auf moderate Höhen würde zwei Tage in Anspruch nehmen. Zwei Tage, die bei gesundheitlichen Problemen gefährlich werden könnten. Zurück in Leh konsultieren wir einen Arzt, der uns rät, drei Tage zu entspannen und es danach wieder zu versuchen. Und so machen wir es. Zwei Tage besichtigen wir die Klöster Lamayuru und Alchi, übernachten am Indus in einem feststehenden Camp und dann geht es wieder ab in die Berge.

Der Ausgangspunkt ist jetzt ein anderer, sehr spektakulärer. Hoch über den Zanskar Fluss ist ein Drahtseil gespannt. Auf diesem Drahtseil läuft eine Rolle, an der eine viereckige Kiste aus Brettern zusammengenagelt und mit Eisen verstärkt, befestigt ist. In dieser Kiste überqueren wir mit Hilfe von menschlichen „Zugpferden“ den wilden Fluss.

Bei extremer Hitze auf 3.600 m Höhe beginnt unsere Wanderung. Täglich stiefeln wir Meter um Meter durch das wildromantische Markha-Valley. Mehrmals müssen wir die festen Schuhe aus- und die Sandalen anziehen, um den Fluss zu durchqueren. Unseren täglichen Weg, auf dem wir Menschen aus aller Herren Länder begegnen, beenden wir abends auf idyllischen Campingplätzen, bei gutem Essen. Selbst abends ist es noch warm. Bis auf einer Höhe von fast 4.000 m gibt es Moskitos, die uns zwar überfallen, aber nicht stechen. Eine Trekkingtour dieses Ausmaßes stellt an den Körper erhöhte Anforderungen. Uns setzt vor allem die Hitze zu. Unterwegs gibt es tagsüber wenig zu trinken. Die Gemeinden des Markha-Valleys haben sich verpflichtet, ihr Wasser zu filtern und keine abgepackten Plastikflaschen an die Touristen zu verkaufen. Lediglich die kleinen Bars unterwegs bieten Mineralwasser in Flaschen an. Bleibt also nur der obligatorische Tee als Flüssigkeit. Wer ihn gerne mag, der hat keine Probleme. Unser Geschmack ist er nicht. Da wir Mikropur, ein Entkeimungsmittel dabei haben, füllen wir Wasser aus dem Fluss in unsere Flaschen. Nach zwei Stunden ist es trinkbar. Es ist zwar wenig appetitlich anzusehen, da sich der Sand in der Flasche absetzt, aber man kann es ohne Bedenken trinken.

Nach vier Tagen erreichen wir Nimaling – eine Hochebene von 4.850 m. Über uns ragt der Kangyatse mit 6.400 m in die Höhe. Ein Eisklotz, dessen Spitze leider immer wieder von Wolken verhangen ist. Um die Ecke ist ein weiterer 6.000er, den wir gerne besteigen möchten, aber die Wetterprognosen sind schlecht und die Zeit drängt. Also begnügen wir uns mit dem Kongmaru La, einem Pass von 5.136 m, über den wir in ein Seitental absteigen müssen. Inmitten von Gebetsfahnen sitzen wir hier über eine Stunde und genießen die herrliche Aussicht und die immer wieder hervorblitzende Sonne. Es ist angenehm warm hier oben. Eine Fleece-Jacke über dem T-shirt reicht gegen die „Kälte“ völlig aus. Und dann geht es durch eine steile, enge Schlucht durch das Martselang-Tal wieder bergab. Wieder strahlt die Sonne und vor uns liegt der schönste Teil unserer Tour. Felsformationen, die ihresgleichen suchen. Von schiefergrau bis pinkfarben zeigen sich die Felsbrocken in all ihrer schillernden Vielfalt. Bunte Blümchen blühen am Wegesrand und Kaschmirziegen klettern an den Felswänden hinab zum Wasser oder bergauf zu den Kuppen. Stundenlang wandern wir, ohne eine Menschenseele zu treffen, in dieser archaischen Berglandschaft und werden zum Abschluss mit einem Übernachtungsplatz der Superlative belohnt. Ganz alleine steht unser Zelt auf einem Hügel in 3.800 m Höhe. Unser Blick schweift ins Tal und wir finden, dass Wanderungen in entlegene Winkel unserer Erde etwas ganz besonderes sind, trotz mancher Unannehmlichkeiten, die man dafür in Kauf nimmt.

 

Irene Engelmann

Kommende Termine

16 Dez 2017
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20 Jan 2018
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